Warum Ausscheidungskommunikation nichts mit Perfektion zu tun hat und wie sie sich entspannt in den Familienalltag integrieren lässt.
Als ich mit meinem ersten Kind begann, mich mit Ausscheidungskommunikation zu beschäftigen, war vieles neu und manches zunächst komplizierter, als ich es mir vorgestellt hatte. Inzwischen habe ich drei Kinder beim Abhalten begleitet und beschäftige mich auch beruflich intensiv mit dem Thema. Rückblickend gibt es einige Dinge, die ich gerne schon früher gewusst hätte, weil sie mir so manchen unnötigen Stress erspart hätten.
Ausscheidungskommunikation, häufig auch als „Windelfrei“ bezeichnet, bedeutet, die Ausscheidungsbedürfnisse eines Babys wahrzunehmen und ihm die Möglichkeit anzubieten, sich außerhalb der Windel zu erleichtern. Dabei geht es weder darum, möglichst früh trocken zu werden, noch darum, grundsätzlich auf Windeln zu verzichten. Vielmehr ist es eine Form der Kommunikation, die sich ebenso selbstverständlich in den Familienalltag integrieren lässt wie die Begleitung anderer körperlicher Bedürfnisse.
Zumindest dann, wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass dabei möglichst alles funktionieren muss.
1. Es muss nicht perfekt sein
Es gibt Tage, an denen das Abhalten wunderbar funktioniert, und solche, an denen gefühlt jede Ausscheidung in der Windel oder auf dem Boden landet. Gerade am Anfang habe ich mich an solchen Tagen gefragt, ob ich etwas übersehen oder die Signale meines Kindes falsch verstanden hatte.
Heute sehe ich das wesentlich gelassener. Ausscheidungskommunikation ist kein Wettbewerb, bei dem möglichst viele Ausscheidungen aufgefangen werden müssen. Auch wenn einen ganzen Tag lang nichts im Töpfchen landet, bedeutet das nicht, dass die Kommunikation gescheitert ist.
Wir bieten unseren Kindern eine Möglichkeit an, die sie nutzen können, aber nicht müssen. Diese Unterscheidung nimmt viel Druck heraus, sowohl für die Kinder als auch für uns Eltern.
2. Der Austausch mit anderen Eltern ist unglaublich hilfreich
Gerade wenn im eigenen Umfeld kaum jemand das Abhalten praktiziert, können Gespräche mit anderen Eltern sehr entlastend sein. Häufig geht es dabei weniger um konkrete Lösungen als um die Erkenntnis, dass andere Familien ähnliche Erfahrungen machen.
Warum möchte mein Baby plötzlich nicht mehr abgehalten werden? Weshalb funktioniert es morgens zuverlässig und nachmittags überhaupt nicht? Und ist es eigentlich normal, manchmal einfach keine Lust darauf zu haben?
Nicht immer braucht es dafür eine ausführliche Beratung oder eine feste Gruppe vor Ort. Gerade digitale Austauschmöglichkeiten finde ich wertvoll, weil sich viele Fragen unkompliziert zwischendurch besprechen lassen. Entscheidend ist für mich, dass ein solcher Austausch ohne Vergleiche und Leistungsansprüche stattfindet.
3. Ausscheidungskommunikation ist kein Lebenskonzept
Essen, Schlafen, Nähe und Ausscheidungen gehören zu den grundlegenden körperlichen Bedürfnissen unserer Kinder. Während wir die ersten drei selbstverständlich begleiten, wird aus dem Abhalten mitunter eine regelrechte Philosophie, verbunden mit Vorstellungen davon, wie konsequent oder erfolgreich es praktiziert werden sollte.
Dabei sollte Ausscheidungskommunikation meiner Ansicht nach weder zum Mittelpunkt des Familienlebens werden noch zu einer weiteren Aufgabe, die Eltern möglichst gut erfüllen müssen.
Insbesondere Mütter sehen sich ohnehin mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Erwartungen konfrontiert. Sie sollen ihre Kinder bedürfnisorientiert begleiten, ihre Entwicklung fördern, sich gesund ernähren, möglichst nachhaltig leben und dabei selbstverständlich auch die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick verlieren. Aus der eigentlich sinnvollen Begleitung kindlicher Ausscheidungsbedürfnisse sollte deshalb kein zusätzlicher Optimierungsanspruch entstehen.
Bedürfnisorientierung bedeutet schließlich auch, die Bedürfnisse und Ressourcen aller Familienmitglieder ernst zu nehmen.
4. Es gibt ganz typische Situationen, in denen sich das Abhalten anbietet
Eine der hilfreichsten Erkenntnisse war für mich, dass ich mein Baby nicht ständig beobachten muss, um einen geeigneten Zeitpunkt zum Abhalten zu finden.
Im Tagesablauf ergeben sich ohnehin immer wieder Gelegenheiten, beispielsweise nach dem Aufwachen, beim Wickeln, nach dem Tragen oder vor dem Verlassen des Hauses. Gerade solche Übergänge lassen sich gut nutzen, weil sie bereits Bestandteil der täglichen Routinen sind.
Statt zusätzliche Abläufe zu schaffen, kann das Abhalten auf diese Weise ganz selbstverständlich integriert werden. Ob das Angebot angenommen wird, ist dabei zunächst zweitrangig.
Zum Weiterlesen: Abhalten nach dem Aufwachen: ein einfacher Einstieg
5. Ich muss die Signale meines Babys nicht immer erkennen
Viele Eltern beschäftigen sich zu Beginn intensiv mit der Frage, woran sie erkennen können, dass ihr Baby ausscheiden muss. Tatsächlich zeigen manche Kinder recht deutliche Signale, während sie bei anderen wesentlich schwieriger zu erkennen sind. Hinzu kommt, dass sich das Verhalten im Laufe der Entwicklung verändern kann.
Was ich gerne früher gewusst hätte: Es ist gar nicht notwendig, jedes Signal zu verstehen, um mit dem Abhalten zu beginnen.
Auch ohne eindeutige Anzeichen können wir unseren Kindern zu passenden Gelegenheiten anbieten, sich zu erleichtern. Gerade an den typischen Übergängen im Alltag funktioniert das häufig gut.
Mit zunehmender Erfahrung entwickelt sich häufig ein besseres Gespür für die individuellen Bedürfnisse und Gewohnheiten des Kindes. Das geschieht jedoch nicht zwangsläufig von Anfang an und muss auch nicht erzwungen werden.
6. Die passende Ausstattung kann den Alltag erheblich erleichtern
Grundsätzlich braucht es zum Abhalten nicht viel: ein Baby, eine Bezugsperson und eine geeignete Möglichkeit, die Ausscheidungen aufzufangen. Dennoch habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, welchen Unterschied praktische Kleidung und ausreichend Wechsel- beziehungsweise Saugmaterial machen können.
Wenn sich ein Baby mit wenigen Handgriffen abhalten lässt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich das Angebot unkompliziert in den Alltag integrieren lässt. Müssen dagegen erst mehrere Kleidungsschichten ausgezogen werden, wird es schnell umständlich, insbesondere wenn noch andere Kinder versorgt werden müssen.
Auch ausreichend Saugeinlagen und Wechselkleidung können entlasten, weil nicht ständig gewaschen werden muss, um für die nächste Ausscheidung vorbereitet zu sein.
Für mich geht es dabei weniger um eine möglichst umfangreiche Ausstattung als um die Frage, welche Hilfsmittel tatsächlich Arbeit abnehmen. Gerade im Familienalltag, in dem Zeit und Energie begrenzt sind, können solche scheinbaren Kleinigkeiten einen erheblichen Unterschied machen.
Zum Weiterlesen: Welche Ausstattung brauche ich wirklich?
7. Abhalten bedeutet nicht zwangsläufig mehr Wäsche
Ein Argument, das mir immer wieder begegnet, lautet, dass durch das Abhalten zwangsläufig mehr Wäsche anfalle. Schließlich müsse man ständig Kleidung und Unterlagen waschen, wenn etwas danebengeht.
So pauschal lässt sich das allerdings nicht sagen. Jede Ausscheidung, die im Töpfchen oder in der Toilette landet, verschmutzt zunächst einmal keine Windel. Je nach verwendetem Backup kann das den Verbrauch an Windeln und gegebenenfalls auch den Waschaufwand reduzieren.
Besonders hilfreich finde ich in diesem Zusammenhang Kleidung aus Wolle, wie sie auch bei Mata Origin verwendet wird. Wolle muss bei leichter Verschmutzung aufgrund ihrer Materialeigenschaften nicht immer vollständig gewaschen werden. Häufig genügt es, das Kleidungsstück auszulüften oder gezielt zu reinigen. Bei tatsächlicher Verunreinigung durch Ausscheidungen ist selbstverständlich eine angemessene Reinigung erforderlich.
Wie viel Wäsche insgesamt anfällt, hängt letztlich davon ab, welche Windeln und Materialien verwendet werden und wie das Abhalten im jeweiligen Familienalltag funktioniert. Dass Ausscheidungskommunikation automatisch zu einem höheren Wasser- und Energieverbrauch führt, lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten.
8. Abhalten bedeutet nicht, auf Windeln verzichten zu müssen
Vielleicht ist das eines der hartnäckigsten Missverständnisse rund um Ausscheidungskommunikation: Viele Menschen denken zunächst an Babys, die überhaupt keine Windeln tragen.
Dabei schließen sich Abhalten und Windeln keineswegs aus. Eine Windel kann ein sehr praktisches Backup sein, beispielsweise unterwegs, während des Schlafens oder in Situationen, in denen gerade keine Möglichkeit zum Abhalten besteht. Schließlich möchte niemand, dass jede verpasste Ausscheidung auf der eigenen Kleidung, dem Sofa oder im Autositz landet.
Entscheidend ist für mich nicht, ob mein Kind eine Windel trägt, sondern ob ich Ausscheidungen als ein Bedürfnis wahrnehme, bei dem ich es begleiten kann. Die Windel gibt Sicherheit, das Abhalten eröffnet eine zusätzliche Möglichkeit. Beides darf nebeneinander bestehen.
Zum Weiterlesen: Windelfrei mit Backup: Abhalten mit Windel
9. Abhalten funktioniert auch in Teilzeit
Nicht jede Familie kann oder möchte ihr Kind in allen Lebenssituationen abhalten. Vielleicht funktioniert es zu Hause wunderbar, während unterwegs oder in der Kita eine Windel genutzt wird. Auch das ist eine vollkommen legitime Form der Ausscheidungskommunikation.
Kinder lernen in vielen Bereichen unterschiedliche Abläufe und Gewohnheiten kennen, je nachdem, wo sie sich befinden und wer sie begleitet. Entsprechend können sich auch beim Abhalten verschiedene Routinen entwickeln.
Besonders wichtig finde ich dabei, die Möglichkeiten und Grenzen anderer Betreuungspersonen zu berücksichtigen. Pädagogische Fachkräfte haben ebenso begrenzte zeitliche und personelle Ressourcen wie Eltern. Es wäre wenig hilfreich, aus einem bedürfnisorientierten Ansatz zusätzliche Anforderungen abzuleiten, die im Betreuungsalltag kaum umsetzbar sind.
Ausscheidungskommunikation sollte sich deshalb an den tatsächlichen Lebensbedingungen einer Familie orientieren und nicht an einem theoretischen Ideal.
10. Entwicklung verläuft nicht geradlinig
Gerade wenn das Abhalten über längere Zeit gut funktioniert hat, kann es irritierend sein, wenn das eigene Kind plötzlich kaum noch Interesse daran zeigt. Vertraute Routinen funktionieren nicht mehr, Signale verändern sich und manchmal scheint es, als müsse man wieder von vorne anfangen.
Aus meiner Erfahrung treten solche Phasen durchaus im Zusammenhang mit Entwicklungsschritten auf. Wenn Kinder mobiler werden, neue Fähigkeiten entdecken oder zunehmend selbst bestimmen möchten, verändert sich häufig auch ihr Verhalten in anderen Alltagssituationen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Veränderung beim Abhalten auf einen Entwicklungsschritt zurückzuführen ist. Ebenso können körperliches Unwohlsein, veränderte Routinen oder schlicht die momentanen Bedürfnisse des Kindes eine Rolle spielen.
Mir hat es geholfen, solche Phasen nicht als Rückschritt zu betrachten, sondern das Angebot anzupassen, gegebenenfalls seltener abzuhalten oder auch einmal eine Pause einzulegen. Schließlich gehört zur Ausscheidungskommunikation ebenso, ein Nein oder fehlendes Interesse des Kindes zu respektieren.
Zum Weiterlesen: Wenn dein Baby keine Signale zeigt
Weniger Erwartungen, mehr Vertrauen
Wenn ich heute auf meine Erfahrungen mit drei Kindern zurückblicke, würde ich vor allem eines anders machen: mir selbst weniger Druck auferlegen.
Ich würde mich weniger damit beschäftigen, ob ich jedes Signal richtig erkannt habe, und stattdessen stärker darauf vertrauen, dass sich gemeinsame Routinen mit der Zeit entwickeln. Ich würde früher akzeptieren, dass es Phasen gibt, in denen das Abhalten gut funktioniert, und andere, in denen es kaum eine Rolle spielt.
Auch in meiner Arbeit als Windelfrei-Coach und bei Mata Origin erlebe ich immer wieder, wie sehr Eltern bemüht sind, den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden. Dabei entstehen häufig Unsicherheiten, ob sie ausreichend aufmerksam sind oder die Ausscheidungskommunikation richtig umsetzen.
Ich wünsche mir deshalb einen entspannteren Umgang mit dem Thema, bei dem nicht die möglichst konsequente Umsetzung einer Methode im Vordergrund steht, sondern die Beziehung zum Kind und ein Familienalltag, in dem sich alle Beteiligten wohlfühlen können.
Denn letztlich sollte nicht unser Familienleben an die Ausscheidungskommunikation angepasst werden müssen, sondern die Ausscheidungskommunikation an unser Familienleben.








